Digitaler Stadtrundgang Olfen

Professor Dr. med. Albert Aaron Simons (Haus Hülswitt)

 

Wohn- und Geschäftshäuser am Markt

Die beiden Wohn- und Geschäftshäuser am Markt (heute Eisdiele und Drogerie) gehörten bis 1928 der jüdischen Familie Simons, die in Olfen lange Zeit ein eigenes Geschäft betrieben hatten.

 

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts war die Zahl der in Olfen lebenden Juden deutlich gesunken. Bereits 1914 hatte die jüdische Gemeinde deshalb ihre Synagoge verkauft. Die Eheleute Simons besaßen am Marktplatz in Olfen zwei Wohn- und Geschäftshäuser. Da die Söhne Albert und Erich kein Interesse zeigten das Familiengeschäft weiter zu führen, verkaufte Albert Aaron Simons 1928 seinen Olfener Besitz. In dieser Zeit verließ er zusammen mit seiner Frau Olfen und zog nach Münster. Dort arbeitete sein Sohn Erich als Anwalt. Aron und Therese Helene Simons waren vermutlich die letzten Juden, die Olfen verließen. Aaron Simons verstarb mit 76 Jahren am 2. Februar 1933 in Münster. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Münster beigesetzt, sein Grab befindet sich dort bis heute. Seine Frau Therese Helen zog daraufhin zu ihrem Sohn Erich. Albert Simons, der älteste Sohn der Familie, arbeitet zu dieser Zeit als Mediziner in Berlin. Durch seine Arbeiten im Bereich der Strahlenforschung erwarb er sich Anerkennung im In- und Ausland.

 

Professor Dr. med. Albert Aaron Simons

Geb. 22.04.1894, Olfen

Gest. 05.12.1955, Tel-Aviv (Israel)

 

Albert Aaron Simons wurde als ältester von zwei Brüdern am 22. Mai 1894 in Olfen geboren. Seine Eltern waren Aaron Abraham Simons und Therese Helene Simons (geb. Eltzbacher), sein Bruder hieß Erich.

 

Die beiden Brüder Albert und Erich hatten Olfen bereits nach ihrem Schulabschluss verlassen. Als Schüler besuchten sie zunächst die Rektoratsschule in Olfen. Später legten sie ihr Abitur am Gymnasium Laurentianum in Warendorf ab und studierten. Beide kämpften als Soldaten für das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg.

 

Albert Simons begann sein Medizinstudium in Heidelberg im Jahr 1913. Hier soll er einer der bekanntesten und fröhlichsten Studenten gewesen sein, obwohl eine fortschreitende Verhärtung im Ohr seine Höhrfähigkeit immer mehr einschränkte. Noch vor Beendigung seines Studiums hatte er sein gesamtes Gehör verloren, so war er gezwungen, ein Fach zu wählen, dass er auch ohne Gehör ausüben konnte. Während des Ersten Weltkriegs war er vier Jahre im Einsatz für das Deutsche Reich und arbeitete in zahlreichen Lazaretten. Als Unterarzt zog er sich hier während einer Sektion eine Infektion zu, der linke Mittelfinger seiner rechten Hand musste amputiert werden.

 

Anerkannter Forscher

Albert Simons verschrieb sich ganz der Forschung gegen Krebs. Nach dem Ersten Weltkrieg verbrachte er zunächst einige Zeit in Düsseldorf bevor er in der Röntgenabteilung der Charité (Universität) in Berlin als Assistent arbeitete. Seine Erfolge im Bereich der Strahlentherapie führten zu zahlreichen Veröffentlichungen und internationaler Anerkennung. 1929 gelang ihm die Habilitation zum Privatdozenten an der Berliner Universität. Er beschäftigte sich hier intensiv mit der Radium-Bestrahlung der Geschwülste.

 

Durch das „Gesetzt zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 wurde er gezwungen, seine Stellung an Universität und Krankenhaus aufzugeben. Am 8. September 1933 wurde ihm seine Lehrbefugnis wegen "nicht arischer Abstammung" entzogen. Er arbeitete fortan im jüdischen Krankenhaus, konnte aber seine Forschung nicht weiter betreiben. Er musste emigrieren. Trotz Angeboten aus den USA entschied er sich, 1938 nach Palästina auszuwandern, in ein Land im Umbruch und mit unsicherer Zukunft.

 

Verfolgung seiner Familie

Albert Aaron Simons war der einzige seiner Familie, der den Holocaust überlebte. Seine Mutter, sein Bruder, seine Schwägerin, seine Nichte und sein Neffe wurden von den Nationalsozialisten zunächst entrechtet und beraubt und dann in Konzentrationslager verschleppt. Seine Mutter Therese Helene verstarb bereits zwei Wochen nach ihrer Ankunft im Ghetto Theresienstadt. Sein Bruder Erich wurde von Theresienstadt aus gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter nach Ausschwitz deportiert. Hier wurden sie direkt nach ihrer Ankunft am 21. Oktober 1944 ermordet. Der Neffe Ernst Simons war in Theresienstadt von seiner Familie getrennt worden. Nach Ausschwitz verschleppt wurde er hier zur Zwangsarbeit gezwungen. Am Ende des Krieges zwangen die Nationalsozialisten ihn auf einen der vielen Todesmärsche, er starb am 9. Januar 1945 im KZ Dachau.

 

Neuanfang in Tel Aviv

Nachdem Albert Simons seine deutsche Heimat verlassen musste, fand er In Tel Aviv eine neue Heimat. Trotz seiner Taubheit erlernte er hier die hebräische Sprache. Er nahm seine Forschungen wieder auf und erwarb sich Anerkennung im In- und Ausland. Er blieb unverheiratet.

 

Seine Strahlenforschungen blieben für ihn allerdings nicht ohne Folgen, er erkrankte schwer. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends, trotz Schmerzen soll er bis zu seinem Ende weiterhin in seinem Institut gearbeitet haben. Am 5. Dezember 1955 verstarb er schließlich an den Folgen eines Krebsleidens.

 

Große Anerkennung

Nach dem Tod von Albert Simons erschienen in Israel und in New York zwei Nachrufe, die die Lüdinghauser Zeitung am 9. Juni 1956 nachdruckte. Auszugsweise sollen diese hier zitiert werden:

Aus dem in Israel erschienen Nachruf: „Trotz seinem schweren Schicksal, das ihm die härtesten Prüfungen auferlegte, war er ein glücklicher Mensch, der in allen und allem nur das Gute und Edle sehen wollte, und immer ängstlich vermied, anderen mit seinen persönlichen Sorgen zu belasten. Neidlos gönnte er anderen äußere Erfolge, und es ist ebenfalls eine tragische Ironie des Schicksals, daß seine Ernennung zum Professor der Hebräischen Universität Jerusalem, die ihm eine unendliche Freude und Genugtuung bereitet hätte, nicht mehr zu seiner Kenntnis gelangte.“

 

Aus dem in New York erschienenen Nachruf: „Albert Simons hatte keinen Feind, nur Freunde, er war geliebt und verehrt. (…) Aber wenn nach Jahren seine Kranken und seine Freunde an einen Arzt denken werden von außergewöhnlicher suggestiver Kraft, von größter Opferwilligkeit, Energie und Pflichttreue, also an eine ärztliche Idealgestalt, dann wird in ihrem Geiste auferstehen die Gestalt von Albert Simons!“

 

JLH