Spartakistengräber

Auszüge aus:
Im Strudel des Ruhr-Aufstandes 1919/1920
Eine kurze Herrschaft der Spartakisten in Olfen
Ludwig Page, Bernhard Wilms, Sabine Hennes, Maria Holtmann


Vom Freikorps-System zur vorläufigen Reichswehr
 

Nach der Demobilmachung in den Jahren 1918/1919 bildeten sich in allen deutschen Bundesstaaten militärische Freiwilligenverbände, die sogenannten Freikorps, die sich zum Ziel setzten, die Ruhe und Ordnung im Innern zu gewährleisten sowie die Grenzen im Osten des Vaterlandes zu verteidigen. Häufig bestand der Kern dieser Verbände aus aufgelösten Fronteinheiten. Hier sei als Beispiel das Freikorps Schulz (Standort Münster in Westfalen) genannt, das aus dem 8. Lothr. Inf. Regiment 159 hervorging und im Februar 1919 von dem kaiserlichen Offizier Major Schulz in Battaillonsstärke aufgestellt wurde. Ob in allen Verbänden von Beginn an eine demokratisch-republikanische Grundüberzeugung bestimmend war, darf bezweifelt werden.

 

Die dritte Revolutionsphase
Am 13. Marz 1920 war es so weit. General von Lüttwitz putschte gegen die Regierung. Auf seinen Befehl ging die als äußerst brutal geltende Marinebrigade Ehrhardt auf die Hauptstadt zu. Sie hatte sich als Erkennungszeichen das Hakenkreuz gegeben und verbreitete unter diesem Symbol in der ersten Nachkriegszeit Angst und Schrecken. Während des Weltkrieges hatte übrigens ein Pilot das Hakenkreuz erstmals am Flugzeugrumpf geführt: Der jüdische Kampfflieger Vizefeldwebel Fritz Beckhardt aus Hessen hatte seine Maschine mit dem Symbol des Sonnenrades versehen.

 

Während die Brigade Ehrhardt auf Berlin marschierte, sollte Wolfgang Kapp die Reichskanzlerschaft übernehmen. Alles schien auf ein erfolgreiches Unternehmen hinauszulaufen, da die Reichswehr den Befehlen Noskes nicht gehorchte. General von Seeckt weigerte sich, Truppen gegen die Putschisten in Marsch zu setzen.

So sah sich die Regierung gezwungen, aus der Hauptstadt in Richtung Dresden zu fliehen. Vizekanzler Schiffer blieb weiterhin in Berlin, um nicht den Eindruck einer Kapitulation aufkommen zu lassen.

 

Generalstreik
Von Sachsen aus erließ die rechtmäßige Regierung die einzig mögliche Maßnahme. Sie rief zum politischen Generalstreik auf. Durch die Zusammenarbeit des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes mit der Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände und dem Deutschen Beamtenbund konnte der Streik erfolgreich durchgeführt werden. Daneben bestand noch eine eigene linke Streikleitung von KPD und USPD in Berlin. Maßgeblich war aber das Bündnis von Arbeitern, Angestellten und Beamten, das so in Deutschland noch nicht bestanden hatte.

Durch ihren Zusammenschluss lief der Putsch ins Leere. Zwar hatte Kapp den Stuhl Eberts in der Reichskanzlei eingenommen, doch war er vollkommen hilflos. Die Beamten weigerten sich ganz einfach, auf Anordnungen zu reagieren. So mussten sich Kapp und von Lüttwitz bereits am 17. März 1920 zurückziehen. Beim Abzug aus der Hauptstadt richtete die Brigade Ehrhardt noch ein Blutbad an. Sie schoss nach Unmutsbekundungen der Bevölkerung wahllos in die Menge. Unter den zwölf Toten und Dutzenden Verletzten waren auch Kinder.

In dieser ohnehin äußerst angespannten Situation formierte sich in den Industrieregionen Westdeutschlands bewaffneter Widerstand gegen die Putschisten.

 

Im Revier entstand die Rote Ruhrarmee
Sie schlug das bereits erwähnte Freikorps Lichtschlag und kontrollierte ab dem 22. März 1920 das gesamte Ruhrgebiet. Mit diesem Machtzuwachs linker Kräfte waren die alten Forderungen aus der unmittelbaren Revolutionszeit wieder aktuell geworden. Besonders die Frage der Sozialisierung des Bergbaus war ein zentrales und nach Verfassungslage sogar mögliches Ziel. In der Tat handelte es sich um eine proletarische Massenbewegung, die von KPD und USPD unterstutzt wurde. Rund 50.000 bewaffnete Arbeiter gehörten der Ruhrarmee an.

Um es nicht zum Kampf mit der Reichswehr kommen zu lassen, leitete die Regierung Bauer Verhandlungen ein; Bauer war Nachfolger von Scheidemann, dessen Kabinett im Juni 1919 an der Frage, ob der Versailler Vertrag zu unterzeichnen oder nicht zu unterzeichnen sei, zerbrochen war. In einer Übereinkunft vom 24. März 1920 sollte die schrittweise Entwaffnung erfolgen. Damit war ein Keil in die durchaus unterschiedlich radikalen lokalen Komitees getrieben. Während die gemäßigtere Hagener Zentrale das Abkommen unterstützte, gab es in Mülheim und Hamborn kämpferische Stimmen.

Als die Lage in Duisburg kurz vor der Eskalation stand und ein erneuter Generalstreik beinahe das gesamte Ruhrgebiet betraf, ging die Reichswehr unter General von Seeckt zum Angriff gegen die Rote Ruhrarmee über. Sie bediente sich auch der Freikorps, die am 13. März 1920 noch gegen die Regierung geputscht hatten. Am 2. April begann der äußerst grausame Vormarsch der Freikorps. Ihre Angehörigen erschossen wahllos Gefangene und Verwundete, selbst Sanitäter und Sanitäterinnen fielen ihnen zum Opfer. Die meisten Gegner wurden durch Schüsse in den Rücken getötet, was auf vorsätzliche Tötung außerhalb des eigentlichen Kampfes schließen lässt.

 

Literaturhinweis:

  • Gerhard Albert Ritter (Hg.): Die deutschen Parteien vor 1918; Köln 1973
  • Giselher Schmidt: Spartakus, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht; Frankfurt a.M.
  • Roland Vocke: Die deutschen Parteien im Kaiserreich, in: Deutsche Geschichte, Bd. 10

Der Spartakusbund

Aus den radikalen Gegnern der Burgfriedenpolitik innerhalb der SPD während des Ersten Weltkriegs bildet sich der Spartakusbund. Er ist nach dem antiken Sklavenanführer benannt und tritt für die sofortige Beendigung des Krieges sowie für den revolutionären Klassenkampf ein.

 

Als die SPD bei Kriegsausbruch im August 1914 im Reichstag der Bewilligung der zur Kriegsführung notwendigen Kredite zustimmt, spaltet dies die Partei. Eine Gruppe Iinksradikaler Intellektueller um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg formiert sich unter dem Namen ,,Gruppe Internationale” und fordert die sofortige Einstellung der Kampfhandlungen.

 

Nach den illegal kursierenden Rundschreiben, den so genannten Spartakusbriefen, wird die Gruppierung schließlich Spartakusbund genannt. Dieser wird zum Sammelbecken der linksgerichteten Kriegsgegner. Doch das eigentliche Ziel der Spartakisten ist die sozialistische Revolutionierung Deutschlands und die Übertragung aller Macht auf die Räte. Da der intellektuellen Gruppierung der Rückhalt im Volk fehlt, gewinnt sie keinen größeren Einfluss. Der Versuch, in Deutschland eine sozialistische Revolution durchzuführen, scheitert, die Anführer Luxemburg und Liebknecht werden ermordet.

Tradition des Spartakusbundes

In den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts beruft sich eine Studentenorganisation, die der 1968 gegründeten Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) nahesteht, auf den Spartakusbund und gibt sich den entsprechenden Namen: Marxistischer Studentenbund Spartakus (MSB Spartakus). Diese Gruppierung vertritt in den Studentenausschüssen während der 7Oer- und 80er Jahre die ldeale Rosa Luxemburgs.
Seit der Auflösung des sozialistisch geprägten Osteuropas und der Wiedervereinigung Deutschlands spielt der MSB Spartakus kaum mehr eine Rolle.


Spartakistengräber

So, 15.11.20 - Infotafel errichtet und Blumenschale niedergelegt

Im März 1920 wurden in Olfen-Eversum acht kommunistische Kämpfer der Roten Ruhrarmee durch Einheiten der Reichswehr erschossen und an Ort und Stelle vergraben. Als Reaktion auf den sogenannten Kapp-Lüttwitz-Putsch hatten radikalisierte Arbeiter im nahen Ruhrgebiet die Rote Ruhrarmee gebildet. Am 26. März 1920 überquerten vier Lastwagen dieser Roten Ruhrarmee aus Datteln kommend die Lippe und besetzten Olfen.

Die Besetzung Olfens dauerte ca. eine Woche, an Karsamstag 1920 rückten Einheiten der Reichswehr in Olfen ein. In Olfen-Eversum trafen Reichswehreinheiten auf acht versprengte Mitglieder der Roten Ruhrarmee. Bei dem folgenden Feuergefecht wurde ein Soldat der Reichswehr getötet. Die acht Kämpfer der Roten Ruhrarmee wurden daraufhin an Ort und Stelle erschossen und in zwei Gräbern vergraben. Einige Zeit später wurden hier zwei Denkmäler errichtet.

Der Heimatverein Olfen hat aus Anlass des 100jährigen Jubiläums dieser Ereignisse eine Informationstafel angefertigt um Radfahrer und Spaziergänger über die Geschichte dieser besonderen Gräber zu informieren. Am Volkstrauertag wurde zudem eine Blumenschale niedergelegt, um an das Schicksal der Erschossenen zu Erinnern und an diesem historischen Ort ein Zeichen gegen Gewalt und Krieg zu setzten.
Da Coronabedingt keine größere Veranstaltung stattfinden konnte, erfolgte dies in aller Stille.

16.11.20 - JLH 

 

Fotos: Johannes Leushacke


Zeitzeugen berichteten

Forstwart Heinrich Tembaak aus Eversum

Ich habe hier bei Kemper eingeheiratet, was ich weiß, weiß ich vom Hörensagen. Die Roten lagen in Ahsen auf der anderen Flussseite; hier in Eversum hatten sie einen Brückenkopf gebildet, weil von hieraus die Streifzüge und Plünderungen in Sülsener und Hullerner Gebiet unternommen wurden.


Hier im Hause waren alle Räume bis auf eine Stube beschlagnahmt und mit Putschisten belegt. Es sollen auch etliche Flintenweiber darunter gewesen sein. Auf den nahen Feldern hielten die Roten Übungen ab, dabei riefen sie "Der Noske kommt". Als die Reichswehr aus Richtung Seppenrade mit der Artillerie herüberfunkte und die Infanterie zum Angriff überging, türmten sie über die Lippefähre Richtung Ahsen.

 

Gründonnerstag ging die Schießerei los. Die ersten Schüsse sind bei Heinrichsbauer heruntergekommen. Acht Mann der Besatzung wurden gefangen genommen. Ein Standgericht verurteilte sie zum Tode durch Erschießen. Das Urteil sollte ursprünglich vor unserer Hauswand vollstreckt werden; doch der befehlende Offizier verfügte: "was sollen wir den Leuten noch das Haus versauen.“ Darauf wurden sie abgeführt in den nahen Wald und von einem Exekutionskommando füsiliert. Sie wurden in zwei ausgeworfenen Gräbern verscharrt. Den Befehl zur Beerdigung der Toten erhielt der Nachbar Sonne, der vor Schlathölter in dem Einwohnerhaus wohnte.

 

Die Denkmäler aus Feldbrandsteinen haben die Kommunisten hingesetzt. In der Karwoche kamen sie mit Musik (Schalmeien), um ihrer toten "Kämpfer" zu gedenken. Sie sagten immer: Lacht mal nicht, wenn wir wiederkommen, schneiden wir euch allen die Hälse ab.

 

Während der Hitlerzeit herrschte Ruhe. Nach dem letzten Krieg sind sie leise wieder angefangen. Sie kamen immer auf Karfreitag. Blumen und Kränze erinnerten lange an ihren Besuch.
Ein Bauernsohn aus Erkenschwick soll unter den Toten gewesen sein. Die Kommunisten hatten ihn gezwungen, mitzumarschieren.

 

Die beiden Denkmäler waren mit Bronzeplatten versehen, die folgende Inschrift trugen:

1. Platte - Wanderer, wenn Du vorüber gehst, gedenke unser, weil wir für Dich gefallen. - März 1920

2. Platte - wir kämpften für Euch - und fanden den Tod. - März 1920

 

Während der NS-Zeit wurden die Platten von Polizeiwachtmeister Kunsleben auf behördliche Anordnung entfernt bzw. mit Mörtel zugeschmiert. Nach dem Kriege waren die alten Platten erst wieder da, dann wurden sie von Grabfrevlern zerstört. Später wurden Kunststoffplatten angebracht, die heute noch vorhanden sind.

 

Beim Ausbau der neuen Hullerner Straße musste ein Denkmal weichen, weil es in der Trasse des Seitenstreifens lag. Es wurde neben dem anderen Denkmal am Wanderweg gegenüber Merhofe wieder errichtet. Die Lage der beiden Gräber wurde nicht verändert. An der Stelle nahe der Hullerner Straße, wo die Toten ruhen, habe ich eine Eiche gepflanzt. Das ist mein Gebet, dass ich den Irrenden gewidmet habe. Die gleichlautende Grabinschrift auf den später angebrachten Kunststoffplatten lautet:

Gefallen im Kampf für das Volk und die Freiheit. - März 1920

 

Elisabeth Igelmann geb. Stork-Heinrichsbauer aus Werne

Sie erlebte als Kind die Unruhen im März 1920 auf dem elterlichen Hof in Eversum. Einige Jahre später hat sie als Schülerin der Hildegardis-Schule die Tage des Schreckens in einem Schulaufsatz festgehalten.
Mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin wird ihr Bericht veröffentlicht:

Anno 1920 — Tage des Schreckens in meinem Elternhaus

Ungefähr 500 m vom rechten Lippe-Ufer entfernt, gegenüber dem kleinen Dörfchen Ahsen, liegt mein Elternhaus. Buchen und Eichenwäldchen umgeben es. Die Vorderseite schaut auf die ruhigdahinfließende Lippe. Dahinter dehnt sich das friedliche Dörfchen mit seinen 800 Einwohnern aus. Nicht immer war es so ruhig hier. Im Jahr 1920, kurz vor Ostern, besetzten die Spartakisten, die "Rote Armee" genannt, das linke Lippeufer.

 

Während elf Tagen haben diese wilden Soldaten den Leuten das Leben schwer gemacht. Am Lippeufer schlugen sie ihr Lager auf. Bei den Bauern des Dorfes nahmen sie Quartier. Das rechte Lippeufer blieb von der Belagerung verschont. Die "Rote Armee" fürchtete hier die Reichswehr.

 

Mein Elternhaus wurde aber doch übel zugerichtet in diesen Tagen. Am ersten Morgen kamen (rote) Soldaten und nahmen sämtliche Waffen des Hauses in Beschlag. Danach baten sie um Lebensmittel. An den folgenden Tagen kamen sie mit Gewehren, Handgranaten und Revolvern. Sie gaben meinen Eltern einen Zettel, auf dem z.B. stand: Korn, Kartoffeln, feldgraue Hosen, Überzieher, Stiefel usw. sind beschlagnahmt. Danach durchstöberten sie das ganze Haus vom Keller bis zum Boden.

 

Meine Eltern konnten sie nicht daran hindern. Wir blieben alle schön im Wohnzimmer. Eine Verteidigung war ja unmöglich. An jeder Tür blieb ein Soldat mit geladenem Gewehr oder Revolver stehen. Mein Vater musste sie im Haus zurechtweisen und ihnen die Zimmer und Schränke zeigen, wenn sie die gewünschten Sachen selbst nicht finden konnten. Wenn er sich weigerte mitzugehen, drohten sie mit dem Revolver. Es blieb in dem ganzen Haus keine Schublade geschlossen. In der einen Hand den Revolver und mit der anderen die Laden durchwühlend, suchten sie die Sachen, die sie gebrauchen konnten.

 

Schließlich wurde es meinen Eltern zu bunt. Leinen und Fleisch packten sie in Kisten und Säcke, und in aller Frühe wurden sie im Wald vergraben. Die Sachen mussten in dunkler Nacht zusammengeholt werden, weil die Spartakisten an der Lippe immer Wache standen und genau beobachteten, was bei uns und unseren Nachbarn vorging.

 

Sie fürchteten jeden Tag den Angriff der Reichswehr. Die ist aber nicht so schnell erschienen. Indessen kamen die "Roten" jeden Morgen und plünderten das Haus. Mein Vater musste das geraubte Fleisch aus der Nachbarschaft zusammenholen und mit dem Wagen zum Dorf bringen. Die anderen Sachen schickten sie sofort zu ihren Familien, denn die meisten kamen aus den benachbarten Städten und Dörfern.

 

Diese Tage waren für uns sehr traurig. Meine Mutter wusste oft nicht, was sie uns zu essen geben sollte. Das Kochen machte ihr keine Freude mehr, weil sofort alles weggeholt wurde. Butter und Brot hatten wir nicht. Der Keller wurde jeden Morgen zuerst untersucht. Die Esssachen verzehrten sie sofort. Mittags holten wir uns die Eier aus den Nestern, wenn noch welche darin waren.

 

Diese Zustände dauerten fort bis zum Gründonnerstag. Da hörten wir morgens um fünf Uhr in der Richtung Haltern ein Schießen von schweren Geschützen. Wir ahnten aber weiter nichts. Gegen acht Uhr wurde es unsicher. Die Kugeln schlugen eine nach der anderen in unser Haus, dass die Dachziegeln nur so herunterflogen. Es war die Reichswehr, die auf unser Haus feuerte, weil sie glaubte, die "Rote Armee" wäre bei uns. Um neun Uhr waren schon zwanzig Soldaten von ihnen mit zwei Maschinengewehren auf unserem Hof und nahmen mit Sturm unser Haus in Beschlag. Meine Eltern versicherten ihnen, dass keiner von den "Roten" in unserem Haus wäre. Es half aber nichts.

 

Um sich in Sicherheit zu wissen, untersuchten sie alle Raume. Wir Kinder waren schon den ganzen Morgen im Keller gewesen. Als die Soldaten der Reichswehr zu uns hereinkamen, fingen wir alle laut an zu schreien. Da stellten sie die Hausdurchsuchung ein. Es wurden sofort zwei Maschinengewehre aufgestellt, eins oben und eins unten im Haus. Das Dorf wurde heftig beschossen, und die Spartakisten erwiderten stark das Feuer. Mein Vater ist noch schnell auf Händen und Füssen durch alle Zimmer gekrochen und hat die Rollladen aufgezogen und die Fenster weit geöffnet, damit sie nicht zertrümmert wurden. Es half aber nichts. Sämtliche Fensterscheiben an der Vorderseite wurden zerschossen.

 

Bis zum Nachmittag um drei Uhr hielt der Kampf an. Die "Roten" waren besiegt. Gegen fünf Uhr war es schon ganz ruhig, und wir wagten uns vorsichtig aus dem Keller heraus. Aber ins Wohnzimmer, das an der Vorderseite des Hauses liegt, trauten wir uns immer noch nicht recht. Deshalb gingen wir in den Baderaum, wo wir uns wieder einmal richtig wärmen konnten. Aber welch ein Schrecken! Mitten im schönen Spiel jagte eine Kugel durch das Fenster, obwohl an dieser Seite des Hauses während des Kampfes kein Schuss gefallen war. Die Glassplitter flogen durch das ganze Zimmer. Wir waren glücklicherweise noch mit dem Schrecken davongekommen.

 

Bei Gefechtsschluss wurden acht Spartakisten gefangen genommen. Zwei Offiziere verurteilen sie in aller Kürze. Dann erschoss man sie bei uns am Hof, obschon einige von ihnen um Gnade gefleht hatten. Die Leichen wurden oberflächlich verscharrt. Angangs kümmerte sich keiner um sie. Vor einigen Jahren haben die Genossen ihnen aber Denkmäler errichtet. Sie kommen auch jetzt noch jedes Jahr kurz vor Ostern in großem Zuge, bringen Kränze und halten Freiheitsreden.

 

Elli Heinrichsbauer OIII.


Bericht der Ruhr Nachrichten vom 19.10.06