Sie sind hier: Start - Arbeitskreise - Plattdeutsch sprechen

'wi lärt un kürt platt'


Regelmäßiger Kurs im Heimathaus

Zwei Stunden intensiv Platt sprechen

RN-Foto: Knopp

Es ist Montagabend, 19 Uhr, im Heimathaus Olfen. Hier lädt der Vorsitzende des Heimatvereins Olfen, Ludger Besse, zum Platt-Kurs. Ganz schön viel los um die Zeit, denke ich mir, als ich die gemütliche Stube betrete. Stimmen und Worte durchflutenden Raum.

 

Die Erkenntnis, dass ich nicht viel verstehe, offenbart: Hier bist du richtig. Viele Berührungspunkte hatte ich mit der Sprache bislang nicht. Doch das wird sich gleich ändern. „Hiärtlik willkuemen“, sagt Ludger Besse und reicht mir freundlich die Hand. Das bedeutet: herzlich willkommen. Alle vier Wochen sind hier rund 20 bis 25 Kursteilnehmer anzutreffen. Die smalltalken dann was das Zeug hält - immer auf platt versteht sich, hochdeutsch spricht hier niemand.

 

Wir setzen uns in die große Runde. Ich bin das neue Gesicht und schnell entdeckt. Neugierig mustern mich die Menschen unterschiedlichsten Geschlechts und Alters. „Eene Nie is dao“, höre ich einige erfreut flüstern. Als Ludger Besse mich vorstellt, geht es auch schon los.

 

Das heutige Thema heute heißt „De Münsterlänner un dat Geld“. Die Übersetzung fällt mir ausnahmsweise mal nicht so schwer. Es geht in die Vergangenheit: Reichsbanknoten über 100 Billionen Mark aus Zeiten der Inflation werden durch die Runde gereicht. Zeitgleich werden Texte aus einem Script vorgelesen, das jeder erhält, um die Aussprache und den Lesefluss zu schulen.

 

Der Reihe nach vorlesen

Jeder ist der Reihe nach dran. Ich auch. Drücken gilt nicht.„... graute Inflation alls verloern“, kämpfe ich mich durch den Text. „Das gr wird wie ein ch ausgesprochen“, lehrt mich Ludger Besse, der sich das Platt-Schreiben sogar selbst beibrachte.

 

„Ich konnte die Sprache durch mein Elternhaus früher nur sprechen und verstehen.“ Der Grund für seinen Eifer: die Gründung des Platt-Kurses. Überwiegend junge Menschen kamen vor knapp fünf Jahren auf den Olfener zu, die gern die alte Sprache erlernen wollten. „Ich habe keinen Lehrer gefunden und da musste ich selbst einspringen.

 

“Eine Fremdsprache lernen erfordert Interesse und viel Disziplin. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Und Platt-deutsch zählt für meine Ohren eindeutig dazu. Nicht so für Josef Budde: „Ich bin damit groß geworden. Wir haben zu Hause nur Platt gekuert“, sagt er. Als es für ihn aber in die Schule ging, war die Umstellung auf Hoch-deutsch damals umso schwerer. So wenig früher im Klassenverband Plattdeutsch gesprochen wurde, so viel tun es die ehemaligen Schüler heute bei Klassentreffen.

 

Auch Karl Heinz Hartmann beherrscht von Kindesbeinen an die Sprache: „Ich besuche regelmäßig den Kurs im Heimathaus. Es ist einfach schön, diese Sprache wieder zu hören.“ Denn sobald die Teilnehmer den Fuß in die Tür setzen, pausiert das Hochdeutsch für zwei Stunden. „Außerdem kann man auf Platt viel freundlicher schimpfen. Das ist nur halb so wild“, fügt Hartmann hinzu und lacht.

 

Der Olfener hat Vorkenntnisse, aber auch Anfänger sind willkommen. „Wir lernen hier ja und fangen immer wieder von vorne an“, sagt Ludger Besse und räumt meine anfänglichen Bedenken aus dem Weg. Vokabeln lernen sei sinnvoll, wie früher im Englischunterricht, und natürlich regelmäßiges lautes Vorlesen.

 

Kuerknuoken heißt Handy

Aber gibt es für jeden Begriff eigentlich eine Übersetzung ins Plattdeutsche? „Nein“, sind sich Ludger Besse, Josef Budde und Karl Heinz Hartmann einig. „Es gibt nicht für alles eine Bedeutung.“ Doch das heißt nicht, dass sich nicht längst eigene Ideen entwickelt haben. „Kuerknuoken heißt bei uns zum Beispiel Handy“, sagt Besse und alle lachen.

 

Jüngste Mitglied: 13 Jahre

Aus Selm, Cappenberg, Werne, Datteln und sogar Erkenschwick kommen die Teilnehmer angereist.

Das jüngste Mitglied ist Tom Scholbrock. Er fühlt sich sichtlich wohl in der Runde. „Ich bin durch meine Oma darauf gekommen Platt zu lernen und ich fand die Sprache immer interessant“, sagt der 13-Jährige, der seine Klassenkameraden aber bislang noch nicht von den monatlichen Bildungstreffen überzeugen konnte.

 

Als ich mich schließlich verabschiede, ruft noch eine Dame: „Makt sei et gued.“ Ich blicke Ludger Besse mit fragendem Blick an. „Sie hat gesagt: Machen sie es gut.“ Okay, ich muss zwar noch viel lernen, aber eines weiß ich ganz sicher, freundlich und offen sind die Teilnehmer des Kurses allemal.  

 

Anna.Knopp@mdhl.de

 


Ein paar Vokabeln in plattdeutscher Sprache

Für die ersten Versuche in Plattdeutsch hat Ludger Besse ein ABC mit Begriffen auf Platt zusammengestellt.

 

Abend = Aobend

Brot = Broud

Essen = iärten (iärten)

euch = ink

euer = inke

Feiern = Fiërn (fiërn)

Garten = Gaorn

Haare = Haor

ich = ik

ihr = it

ja = jau

Kirche = Kiärk

Laufen = loupen

Machen = maken

Nein = nee

Oben = buowen (buom'm)

Pferd = Piärd

Reden = küërn

Socken = Söcken

Untersuchen = unesöüker

Verbleib = Vöbliew

Wasser = Water

Zunge = Tunge (Tung')

Herzlich willkommen = Hiärtlik willkuemen (willkuem'm)

Eine Neue ist da = Eene Nie is dao

Machen sie es gut = makt sei et gued, makt sei't gued


Zwei Stunden Plattdeutsch sprechen

Es wird erzählt und diskutiert. Aber alles in Platt. In geselliger und lockerer Runde wird aus Büchern vorgelesen, z.B. aus 'Dat Mönsterlänner Platt'. 

So macht das Plattlernen richtig Spaß. Und so kann das Plattdeutsche - eine alte Tradition - bewahrt werden. 

Die Stunde startet mit dem Erzählen des Erlebten der letzen Zeit und dem gemeinsam Erlebten: Struwenessen, Floßfahrt, Fahrradtouren. Und wenn es auf Platt nicht mehr geht ist natürlich auch Hochdeutsch erlaubt. Die Anderen helfen dann mit den Plattdeutschen Begriffen. Dabei erleben viele das Gefühl von Heimat. 

Als Erstsprache gelernt haben es heute wenige Menschen. Aber viel mehr Menschen über 40 können es verstehen als viele glauben.

Und wer Interesse hat ist eingeladen, gerne mitzumachen.

HPD

 


Fotoreihe: Theo Sander


Dezember 2013
Etwa alle vier Wochen findet montags um 19.00 Uhr das plattdeutsche Treffen im Heimathaus statt.
Schon seit einem Jahr ist der kostenlose Kurs auf breites Interesse bei Jung und Alt gestoßen. Ludger Besse hat schon eine plattdeutsche Bibliothek erstellt.

Die Teilnehmer sollen nicht nur lesen sondern auch erzählen lernen. Eine Gruppe hat schon einen plattdeutschen Sketch vom Weihnachtsmann vortragen.

Nicht nur Olfener sind in dem Kreis vertreten, denn Plattdeutsch lernen kann richtig Spaß machen.
Eingeladen sind alle Interessierte, die's können oder lernen wollen.


24 Jugendliche kamen zur ersten Plattdeutsch-Stunde

RN-Foto Antje Pflips

'Auszeit' meets Heimathaus
Ruhr Nachrichten vom 21.11.12

So viel Spaß kann Lernen machen. Zumindest, wenn es ums "Platt Küren" im Heimathaus geht. Viel zu lachen gab es am ersten Abend für die 24 Teilnehmer der Veranstaltung "Auszeit meets Heimathaus".
von Antje Pflips

RN-Foto Antje Pflips

Jugendlichen des „Auszeit-Jugendcafés“ hatten den Wunsch geäußert, Plattdeutsch zu lernen und mehr über die Olfener Geschichte zu erfahren.

 

Ängste auf Platt genommen

Ludger Besse, Vorsitzender des Heimatvereins, war begeistert, und so fand das erste Treffen am Montagabend im Heimathaus statt. Unterstützt wurde Besse dabei von „plattdeutsch-erfahrenen“ Bürgern wie Änne Hatebur, Paul Ostrop, Franz-Josef Schulte im Busch oder auch Stefan Schulte, Rolf Finke, Markus Freck oder Julika Schlierkamp.

 

Erste Berührungsängste wurden mit der Vorstellungsrunde, gleich auf Platt, genommen. Ludger Besse sprach vor und achtete „strengstens“ auf die richtige Aussprache der Anfänger. „Ik sein...“ fing jeder an und fragte seinen Nachbarn „Un wer bis du?“ Hier schon bemerkten einige, dass Platt nicht gleich Platt sei.

 

Bernhard Finke und Änne Hatebur sind gebürtig aus Seppenrade und stellten einige Abweichungen fest. Doch das sind Feinheiten, die beim ersten Abend noch nicht ins Gewicht fielen. Wichtig war, dass vor allem das „G“ immer als „ch“ ausgesprochen wird, wenn es nicht von Vokalen eingeschlossen ist.

 

Weiches G

„Ihr dürft die Worte nicht so hochdeutsch aussprechen“, ermahnte Besse seine „Klasse“. Mit kleinen Gedichten bekamen die „Schüler“ einen Eindruck der Sprache. Vom Gör, von den Radieskes, vom Gause-Gant und vom Pöggsken handelten sie.

 

Zusammen und einzeln wurden sie gesprochen. Vorher gab es eine Übersetzung, denn manche Worte waren nicht abzuleiten. So verging der erste Teil im Nu, und das Lesen und Sprechen klappte immer besser. Anschließend wurden einige Olfener Fotos aus verschiedenen Jahrzehnten gezeigt. Hierzu konnten besonders die „Alten“ eine ganze Menge erzählen.